Freitag der 13.3. – Schulschließung – was nun?

…das virtuelle Klassenzimmer!

Ein erster Erfahrungsbericht… aus dem Tagebuch eines Mathelehrers

So verheerend die Corona-Krise auch ist, etwas kann man ihr Zugute halten. Sie treibt die lange vernachlässigte Digitalisierung in den Kommunen, den Unternehmen und vor allem Bildungswesen voran. Oft hemdsärmelig und mit Mut zur Tat, werden vielerorts intensiv unterschiedliche Ansätze implementiert und ausprobiert. Auch wir die CEMA AG erproben gemeinsam mit verschiedenen Partner seit Mitte März das digitale Klassenzimmer – mit Erfolg.

Schulschließungen

Freitag der 13.03.2020. Viele Lehrer waren sich der bevorstehenden Schulschließungen nicht bewusst. Es ging nicht mehr um das “Wann?”, es ging nur noch um das “Wie?”. An der it.schule Stuttgart gab es am darauf folgenden Montag noch eine kurze Session mit den Schülern und eine Dienstbesprechung. Dann, Schreibtisch aufräumen, wichtige Unterlagen einpacken und “Tschüss Schule! Bis bald!”.

Die erste Woche (16./17.03. – 20.03.2020)

Die Kommunikationsplattform discord läuft 24/7, das E-Mail-Postfach quillt über – ich probiere viel aus. Gefühlt die gesamte Tech-Industrie (z.B. Cisco, Microsoft, Google) macht uns Angebote – jedoch im Schnitt ist die Infrastruktur der Anbieter dauerhaft überlastet oder man bekommt erst gar keine Antwort auf seine Anfrage. Es dauert Tage, bis manche der Systeme wirklich einsatzbereit sind.

Ein Rahmen muss ausgearbeitet werden. Bleiben wir am Stundenplan, verschicken wir Lernpläne, reicht es, Aufgaben und Materialien bereit zu stellen? Wir organisieren uns virtuell, treffen terminliche Absprachen, stecken das weitere Vorgehen ab, auch und gerade in Absprache mit den Schülern. Besonders positiv fallen in dieser Phase diejenigen Schüler auf, die sich toll einbringen, Systeme pflegen und Mitschüler zusammentrommeln.

Die Teilnahme am online Unterricht verläuft sehr schleppend. Kein Problem, als Dienstleister am Schüler erhöhen wir die “Erinnerungsfrequenz” an geplante Veranstaltungen. Wir fragen bei den Schülern nach, welche Ansprache aus Ihrer Sicht funktionieren könnte – läuft!

Die zweite Woche (23.03. – 27.03.2020)

Es spielt sich so langsam ein. Digitale Rituale sehen zwar anders aus, jedoch im Dialog mit den Schülern haben wir einen Modus gefunden, dass die Anzahl der teilnehmenden Schüler kontinuierlich steigt. Verlässlichkeit, ein Plan, Erinnerungen – einige Schüler telefonieren Mitschülern hinterher: “Du, hey, es ist grad Mathe, kommst Du noch?” und machen virtuelle Tafelbilder – damit auch “der Letzte” sieht, was stattfindet. Es stimmt also doch, die Schüler wollen lernen.

Meine Gruppen und ich sind unterdessen bei einem sehr brauchbaren Tool angekommen (BigBlueButton), bei dem soweit alles passt. Sprache, Video, kollaborative Textarbeit, interaktives Whiteboard mit Präsentationen, Bildschirmfreigabe, keinerlei Installation nötig, nutzbar auf jedem Endgerät – und es funktioniert! “Können wir nicht immer so Unterricht machen?” – die Schüler sind begeistert. Ich habe den Eindruck, die Schüler sind geradezu fokussierter bei der Sache, als im Präsenzunterricht.

Es braucht also nicht der regelmäßige “Präsenzunterricht” zu sein – Kollegen bieten Sprech- und Be-Sprechstunden an, stellen regelmäßig Material und Aufgaben auf unserer Plattform zur Verfügung, korrigieren Schülerlösungen, geben Feedback an die Schüler! Ich erinnere mich: Man muss den Schülern auch den Raum und die Zeit für die sozialen Aspekte und das gemeinsame Arbeiten geben – auch im virtuellen Klassenzimmer.

Die dritte Woche (30.03. – 03.04.2020)

Performance! Eingespielt! Vollzug! Die meisten Schüler sind im virtuellen Klassenzimmer angekommen – die Teilnahme ist ordentlich. Ich werde regelmäßig in discord angesprochen, kann bei Fragen unterstützen, schalte mich in Lerngruppen zu. Und ehrlicherweise “quatsche” ich auch einfach mal hier und da mit den Schülern. Im virtuellen Unterricht besprechen wir Übungen und erarbeiten gemeinsam neue Inhalte in aller Ruhe. Ich bin stolz auf unsere Jungs und Mädels. Trotz der digitalen Distanz spürt man die Lust am Lernen. Die Schüler kommen freiwillig in das virtuelle Klassenzimmer, sind neugierig, arbeiten gemeinsam, helfen sich gegenseitig, stellen Fragen.

Osterferien

Endlich entschleunigt sich die Lage. Intensive drei Wochen liegen hinter uns, sodass die unterrichtsfreie Zeit genau richtig kommt. Zeit zu reflektieren, Zeit für Feedback und für viele Gespräche. War das was? Hat das bei euch geklappt? Was habt ihr so gemacht? Kann so ein Ansatz auch längerfristig funktionieren? Wofür kann man sowas “nach Corona” brauchen? Spannende Fragen liegen auf dem Tisch, die intensiv diskutiert werden.

Die vierte Woche (20.04. – 24.04.2020)

Klare Ansage vom Kultusministerium in Baden-Württemberg: Die Schulen bleiben bei uns nochmal mindestens zwei Wochen geschlossen. Geplant ist eine schrittweise Rückkehr zum Präsenzunterricht ab dem 04.05.2020. So wie es aussieht aber nur die Abschlussklassen und auch die nicht alle auf einmal. Kleine Gruppen, mehr Raum, Hygiene- und Abstandsgebote einhalten. Lange Rede kurzer Sinn – mir wird klar: Das digitale Klassenzimmer wird uns sicher noch eine ganze Weile begleiten. Wir müssen an alle Schüler ran, sonst verlieren wir sie und die Schüler ein ganzes Jahr.

Lessons learned

Es gibt nicht “das Tool” um virtuellen Unterricht zu gestalten. So wenig, wie es “den Lehrer” oder “die Schülerin” gibt. Ob nun Freizeitoptimierer oder proaktive Digital-Lehrkraft – wir haben gesehen, dass Unterricht im digitalen Klassenzimmer möglich ist.

Mit BigBlueButton arbeiten an der it.schule unterdessen vierzehn Lehrerinnen und Lehrer mit über 200 Schülern  – hauptsächlich in den Fächern Mathematik, Physik, Informatik und Wirtschaft. Das Feedback seitens der Kollegen und Schüler ist durchweg positiv.

Was zuerst als Idee und Pilotprojekt begann nimmt richtig Fahrt auf. In der Zwischenzeit sind weitere Server zu einem BigBlueButton Cluster zusammengewachsen. Weitere Schulen und Bildungseinrichtungen ist das Testfeld aufgenommen.

Die Schulen sind in der Digitalisierung des Unterrichts einen großen Schritt vorangegangen und haben nicht nur Unterricht digital abgebildet, sondern haben Unterricht modifiziert. Unterricht kann virtuell gelingen. Die technischen Hilfsmittel geben uns neue Möglichkeiten und Freiräume, wie Unterricht gestaltet werden kann. Wer sich darauf einlässt, modifiziert jetzt seinen Unterricht, macht anderen Unterricht – und das klappt prima.

DSGVO

Eingesetzte Systeme müssen DSGVO konform sein – auch wenn aus Richtung der Kultusministerien aktuell die Öffnung einer gewissen Grauzone zu bemerken ist. Keine Klarnamen, Serverstandort Deutschland, kein Abfischen und Vermarkten von Informationen und Daten. Hier sind offizielle Stellen, das Land und natürlich die seriösen Unternehmen wie die CEMA AG gefragt, die Schulen und andere Bildungseinrichtungen bei der Bereitstellung einer DSGVO-konformen Infrastruktur zu unterstützen.

Verfügbarkeit der Systeme

Die stabile Bereitstellung und die Verfügbarkeit der Systeme ist kritisch. Ein System muss verlässlich funktionieren. Kommt es im digitalen Unterricht bei den Schülern und Lehrern wiederholt zu technischen Problemen, ist ein Unterricht nicht möglich. Ausfälle oder Abstürze verringern die Akzeptanz seitens der Teilnehmer solchen Angeboten gegenüber. Schulen setzen hier bewusst auf verlässliche externe Angebote. Die Kernkompetenz einer Schule, selbst einer it.schule, ist nicht die Administration von interaktiven Mehrbenutzer Systemen.

Sicher ist aber, die Schüler und die Lehrer sind nach diesen explorativen fünf Wochen E-Learning um Längen besser vorbereitet und parat, als noch Mitte März.
Wir tun weiterhin unser Bestes! Bleibt gesund!

Daniela Barkhau

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